Kreuzwegmeditation

von Jean Vanier

Einleitung

„Wer hat geglaubt, was wir gehört haben“ (Jes. 53): so beschreibt Jesaja den Schmerzensmann, der ausgestoßen und verachtet wurde, und er fährt fort: „Auf ihm liegt die Züchtigung, die uns den Frieden bringt, in seinen Wunden finden wir die Heilung" (Jes 53,5). Diese Prophezeiung zeichnet das Bild von Jesus, dem Schmerzensmann,, verachtet und gekreuzigt. Wer kann glauben, dass dieser sterbende Mensch uns Leben schenken kann? Wer kann glauben, dass die Gekreuzigten unserer Zeit uns Leben schenken können? Von diesem Text inspiriert hat die Urkirche die Verse des Apostels Paulus gesungen:

 

 

Er, der Gott gleich war,
hielt nicht eifersüchtig an dem Rang fest,
der ihn Gott gleich setzte.
Er entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.
Er lebte wie ein Mensch,
er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Phil 2, 6-8

 

 

Jesus geht den Weg, der nach unten führt. Er steigt hinab in die Dunkelheit und Schwäche der Menschen, um alles auf sich zu nehmen. Er tut es, um wieder aufzusteigen zu seinem geliebten Vater, aufzusteigen mit allen seinen Brüdern und Schwestern der Menschheit. Jesus lädt uns ein, ihm auf diesem Weg nach unten nachzufolgen, um mit ihm hinaufzugehen in die Herrlichkeit des Vaters.


1. Jesus wird zum Tod verurteilt

Auf ihm liegt die Züchtigung, die uns den Frieden bringt. Jes 53,5

 

Jesus – gegeißelt, mit Dornen gekrönt, mit einem Purpur-Mantel bekleidet, steht vor Pilatus. Er ist der arme König, gedemütigt, geschlagen, König der Herzen, König der Gemeinschaft des Herzens. Das Volk ruft: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ Hinter diesen Worten verbirgt sich die Desillusionierung: „Er hat uns enttäuscht. Wir haben geglaubt, dass er stark sei, mächtig genug, um uns vom Joch der Diktatoren zu befreien.“ Man will keinen Messias, der klein und schwach ist, der kein machtvolles Reich aufbaut, sondern die Gemeinschaft der Herzen. Und wir – wo stehen wir heute? Stehen wir bei den Machtvollen, oder sind wir nahe den Männern und Frauen, die durch Krankheit, Verachtung, Demütigung und Armut verurteilt sind?

 

Gebet

Jesus, sanftmütig und demütig, gegeißelter Jesus, König der Herzen, gib uns dein Herz, hilf uns unser Herz voll Vertrauen in die Hand des Vaters zu legen. Hilf uns, niemals den andern zu verurteilen, weil er anders ist, fremd.


2. Jesus nimmt das Kreuz

Er war nicht schön, nicht von edler Gestalt,
so dass er unsere Blicke auf sich zog.
Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Jes. 53, 2b

 

Jesus, erschöpft, nimmt den schweren Holzbalken auf seine Schultern. Er nimmt die Prüfung an. Er verstummt. "Hier ist die Stunde, sie ist gekommen, wo ihr wie Schafe zerstreut seid, jeder für sich, und wo ihr mich verlassen werdet. Aber ich bin nicht allein: Der Vater ist mit mir" (Joh. 16,32). Jeder von uns ist jeden Tag gerufen, sein Kreuz zu tragen. "Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst, er nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Lk 9,23). Für jeden von uns gibt es die Stunde der Prüfung.

 

Gebet

Jesus, danke, dass du uns den Weg vorangehst. Wir wollen dir folgen. Gib uns die Kraft deines Geistes, damit wir, Tag für Tag, dir immer ähnlicher werden und die Prüfung annehmen, die uns reinigt und uns mit dir vereint, damit dein Reich der Liebe komme.


3. Jesus fällt unter der Last des Kreuzes

Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden,
ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut.
Jes 53,3a

 

Jesus fällt vor Erschöpfung. Er fällt unter dem Gewicht der schweren Balken und der Brutalität der Menschen. Er fällt vor denen, die ihn verspotten – denn sie wollten einen Messias, der stark ist. Da ist er, ein Mann der Schmerzen, der weint und fällt. Wer wird ihm aufhelfen?

 

Gebet

So viele Menschen leben heute in Depression, von Traurigkeit überwältigt, von Ausgrenzung, überhäuft mit Schuldgefühlen. Arbeitslose, Flüchtlinge, gesundheitlich Schwache. Sie sind von ihren Freunden verlassen, wissen nicht mehr ein noch aus, sie gehen auch nicht mehr auf andere Menschen zu. Wir hätten sie gerne stark und kompetent. Aber sie stehen vor uns, schwach, Schmerzensmänner und Schmerzensfrauen, sie fallen und weinen. Wer wird ihnen aufhelfen?


4. Jesus begegnet seiner Mutter

Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, verachteten wir ihn. Er war ein Nichts. Jes 53,3b

 

Die Mutter Jesu verhüllt sich nicht das Gesicht. Sie weiß, wer er ist: Der geliebte Sohn des Vaters, Sein geliebter Sohn, sein einziger. Sie weiß, dass er zur Liebe gesendet ist, und sie begleitet ihn bis zum Ende. Sie sehen sich an. Das liebende und leidende Gesicht von Maria sagt ihm: „Ich bleibe bei dir. Ich vertraue dir.“

 

Gebet

Vater, gib uns Liebe und Vertrauen, damit wir fähig werden bei Menschen zu bleiben, wenn sie leiden, damit wir uns für die einsetzen, die das Kreuz des Ausgestoßenseins tragen, damit wir uns denen liebevoll zuwenden, die leiden, und nicht vor ihnen davonlaufen, sondern sie begleiten bis zum Ende, damit wir ihnen mit unserem ganzen Wesen sagen: „Ich vertraue dir. Ich bleibe bei dir.“


5. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.
Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm bestraft und erniedrigt.
Jes 53,4

 

Ein Bauer, ein einfacher Mensch, Simon, der vom Feld zurückkommt, wird von den Soldaten gezwungen Jesus zu helfen. die Soldaten haben Angst, dass Jesus zusammenbricht und nicht mehr im Stande ist, den Weg zu Ende zu gehen. Simon schaut Jesus an. Das Leid und der schmerzerfüllte Friede seines Blicks berühren ihn. Er hilft ihm, die schweren Balken zu tragen, ohne zu wissen, dass es in Wirklichkeit Jesus ist, der unsere Leiden trägt. Sind wir bereit mit denen zu gehen, die vom Leid niedergedrückt werden, ihnen zu helfen ihr Kreuz zu tragen, vielleicht ohne ein Wort zu sagen?

 

Gebet

Jesus, du bist da, verborgen in denen, die fallen und weinen. Gib uns die Kraft und den inneren Frieden da zu sein um mit ihnen das Joch zu tragen, wenn es zu schwer ist.


6. Veronika trocknet Jesus das Gesicht

Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Jes 53,5a

 

Eine Frau, Veronika. Du liebst Jesus. Du wagst es, aus der Menge herauszutreten, um ihm das Gesicht zu trocknen, die Augen, die von Blut und Schweiß nicht mehr sehen können. Jesus schaut dich an mit dankbarer Anerkennung. Sein Gesicht, das gleichzeitig schön und entstellt ist, prägt sich für immer in dein Herz ein. Nie wirst du diesen Blick vergessen.

 

Gebet

Jesus, gib uns heute den Mut und die Stärke der Liebe, aus uns selbst herauszugehen, aus unserer Bequemlichkeit und unseren Ängsten, damit wir aus der gleichgültigen Menge heraustreten und dein Gesicht trocknen im Angesicht der Armen, damit wir deinen Blick im Blick der Armen erkennen.


7. Jesus fällt zum zweiten Mal

Durch seine Wunden sind wir geheilt. Jes 53, 5b

 

Nach der Begegnung mit seiner Mutter, obwohl Simon von Cyrene ihm hilft und er von Veronika Zuwendung erfährt, fällt Jesus ein zweites Mal. Das Leid drückt ihn nieder. Es ist an uns, ihm beizustehen, damit er sich wieder aufrichten kann.

 

Gebet

Auch wir werden durch die Last von Depressionen, Trauer oder Trennungen, von körperlichen oder seelischen Leiden niedergedrückt und fallen. Wir warten darauf, dass uns jemand hilft, uns aufrichtet, uns Vertrauen in uns selbst und ins Leben gibt. Wirst Du da sein, mein Bruder, meine Schwester?


8. Jesus begegnet den weinenden Frauen

Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe,
jeder ging für sich seinen Weg.
Jes. 53,6

 

Wie viele von uns werden heute irre an unserer Welt, verlieren sich, sind ohne Halt und vertrauen keiner Führung. Die Schreckensmeldungen über Das, was in unserer Welt an Krieg, Völkermord und Flüchtlingselend geschieht, lässt sie verzweifeln. Jesus, geschwächt, sagt: „Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder!”

 

Gebet

Jesus, erwecke in Deiner Kirche, in der Gesellschaft gute Hirten und Zeugen. die Hoffnung erwecken und den Weg des Friedens und der Einheit zeigen.


9. Jesus fällt zum dritten Mal

Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Jes. 53,6

 

Jesus nimmt unsere Schuld auf sich. Die Gewalt und die Schläge erdrücken ihn. Ihn, den Sanftmütigen, der jeden von uns liebt. Sein größter Schmerz und seine größte Trauer sind die Angst und der Hass, die uns beherrschen und uns hindern seine Liebe anzunehmen.

 

Gebet

Jesus, dein Prophet hat dem Volk die gute Nachricht gebracht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch” (Ez 36,26). Zerschlage unsere Herzen aus Stein, nimm uns unsere Ängste, öffne uns für die Liebe, für deine Gegenwart. Du bist gekommen, um mit und in jedem von uns zu leben, um uns das Leben zu geben. Komm, Jesus, komm!


10. Jesus wird seiner Kleider beraubt

Er wurde misshandelt und niedergedrückt,
aber er tat seinen Mund nicht auf.
Jes. 53,7

 

Jesus wird beraubt: seiner Kräfte, der Bewegungsfreiheit, der Ehre und Würde und schließlich seiner Kleider. Er ist nackt den Blicken und dem Spott der Menschen ausgeliefert. Er sagt uns: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen, nackt und ihr habt mich bekleidet, nehmt als Erbe das Reich, das euch bereitet ist“ (Mt 25,34).

 

Gebet

Jesus, gib uns den Mut und die Kraft die zu bekleiden , die nackt sind, die ihrer Würde beraubt sind, damit wir sie mit unserem Respekt einzuhüllen.


11. Jesus wird ans Kreuz genagelt

Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt,
und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer,
so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Jes. 53,7

 

Zuerst sehen wir Jesus aufrecht vor uns, um uns den Weg zu zeigen. Da ist er der gute Hirte, der seine Schafe auf grüne Weiden führt. Dann sehen wir ihn auf den Knien seinen Jüngern die Füße waschen, um sie so aufzurichten. Nun hängt er am Kreuz, er öffnet nicht den Mund. Der König der Liebe ist gefesselt. Er opfert sein Leben als Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt. Er verwandelt den Hass und die Gewalt, die ihn niederdrücken, in Vergebung und Liebe.

 

Gebet

Jesus, schenke allen dein Licht, die durch Krankheit und Leid gefesselt sind, auch denen, die freiwillig ein Leben in Entsagung auf sich nehmen, damit sie die Fülle des Lebens und ihren Platz in der Kirche entdecken: Sie sind berufen, wie eine verborgene Quelle die trockene Erde unserer Welt zu bewässern.


12. Jesus stirbt am Kreuz

Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft,
doch wen kümmerte sein Geschick?
Jes.53,8

 

Jesus wird gefangen genommen, gefoltert und gekreuzigt durch die Angst und den Hass der Menschen. Er, der Liebe anbietet, ist verstoßen, ist allein, wird getötet. Aber er ist nicht allein! Maria ist bei ihm, sie steht unterm Kreuz. Ihm wurde alles genommen – aber diese Gemeinschaft ist geblieben. Maria sagt ihm: „Ich liebe dich, ich opfere mich dem Vater mit dir.“ Ihr Herz ist vom Schwert des Leidens durchstoßen. Sie ist die mitleidende Frau.

 

Gebet

Jesus, gib uns mitleidende Herzen, damit wir den Gekreuzigten dieser Welt beistehen und uns mit ihnen dem Vater darbringen.


13. Jesus wird vom Kreuz genommen

Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten,
wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Jes.53,8

 

Joseph von Arimathäa, Nikodemus und Johannes nehmen den Leichnam Jesu vom Kreuz. Wasser und Blut strömen aus seinem geöffneten Herzen. Sie legen ihn Maria in den Schoß. Sie bleibt da. Still, gebrochen, weint sie. Sie weint Tränen der Schmerzen und Tränen des Vertrauens.

 

Gebet

Vater, im Anblick aller Leiden dieser Welt, aller Gewalt und im Anblick des Todes bitten wir dich, uns Maria, die Mutter Jesu, die Mutter des Trostes und der Liebe zu schenken.


14. Jesus wird ins Grab gelegt

Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab,
bei den Verbrechern seine Ruhestätte,
obwohl er kein Unrecht getan hat
und kein trügerisches Wort in seinem Munde war.
Jes 53,9

Der Stein verschließt das Grab: Alles ist zu Ende. Petrus und die Apostel sind verzweifelt und verwirrt. Maria Magdalena weint. Maria aber bewahrt die Worte und Verheißungen Jesu in ihrem Herzen. Sie tritt ein in die große Stille des Karsamstags: Tag der Erwartung, Tag des Vertrauens. Wenn alles zu Ende scheint, bleibt die Hoffnung auf das, was Jesus verheißen hat.

 

Gebet

Wenn unsere Herzen zerbrochen sind, wenn unsere Verzweiflung uns zu überwältigen droht, flehen wir zu dir, Jesus: Setze in uns den Keim der Hoffnung.
„Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und wir für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt” (1 Petr 2,24).


Weil Jesus sich selbst verleugnet hat:

„Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel,
auf der Erde und unter der Erde
ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
Jesus Christus ist der Herr
– zur Ehre Gottes des Vaters.”
Phil 2,9-11